Wie ein lichtes Zelt überspannen die mit Sinnbildern und Sprüchen fein bemalten Holzplatten das Innere der Kirche. Die Idee zu diesem riesigen Andachtsbuch stammte vom Kapuzinerpater Ludwig von Wyl. Er versorgte den Luzerner Maler Kaspar Meglinger mit Skizzen und graphischen Vorlagen. Dieser verwandelte die Kirchendecke 1654 in einen Himmel voller frühbarocker Embleme bestehend aus 324 einzelnen Bildtafeln. Sie versinnbildlichen einen Ehrentitel oder eine Tugend Marias, oder sie verweisen auf ein Ereignis in ihrem Leben und auf ihre Rolle im göttlichen Heilsplan – eine bild – und wortgewaltige, nicht enden wollende Litanei zur Verherrlichung der Himmelskönigin und «Patrona Lucernae».
Der Stern und das Jesuskind
(Süd 62)
Über dem in einer Krippe liegenden Jesuskind leuchtet ein grosser Stern. SUFFICIT. Er genügt.
Wie das Licht des einen Sterns genügte, um den drei Weisen den Weg zu zeigen, so soll allein Marias leuchtende Führerschaft genügen, damit die Gläubigen das Heil in Christus finden.
Die Bienen
(Süd 61)
Bienen umschwärmen einen Bienenkorb. OMNIA IN MEL VERTO.
Ich verwandle alles in Honig.
Wie die Bienen sich auf allerlei Pflanzen niederlassen, um Honig daraus zu sammeln, so lässt Maria sich auf allerlei Menschen herab, um in jedem etwas Gutes zu wirken. Wird der gelegte Same gepflegt, so durchwirkt er alles zur Süssigkeit.
Die Orgel
(Nord 87)
Eine Orgel; unterhalb des Spieltisches Noten mit den Worten MARIA O MARIA. DULCISSIMUM MELOS. Das süsseste Lied.
Wie die Luft die Orgel, so hat der Heilige Geist Maria durchdrungen und mit Christus das hier erklingende «süsseste Lied» hervorgebracht.
Maria auf dem Berg
(Süd 48)
Ein hoher felsiger Berg, darauf stehend Maria mit blauem Mantel und ausgebrei-teten Armen. EMINET. Sie ragt heraus.
Die Jungfrau Maria ist aufgrund ihrer Auserwählung und Heiligkeit ein «Berg über alle Berg erhöhet», ein «mons altissimus». Maria nimmt unter den Heiligen Gottes den höchsten Rang ein. Zum Zeichen ihrer Barmherzigkeit breitet sie ihre Arme aus.
Der Turm
(Süd 47)
Neben einem Turm schlägt ein Blitz ein. NON FERIOR, HUC FUGE.
Ich werde nicht getroffen, fliehe hierher.
Als erhabene und starke Beschützerin der Menschen ist Maria der «Turm Davids mit seinen Schutzwehren und der prächtige elfenbeinerne Turm» des Hohenliedes und der Lauretanischen Litanei. Fliehe hierher, lässt die Schirmherrin all jene wissen, die sich betend an sie wenden.
Die Himmelspforte
(Süd 46)
Ein kunstvoll verziertes Portal mit zugezogener zweiflügliger Türe.
NON NISI PER ME. Nur durch mich.
Als einziger Mensch war Maria am Heilsgeschehen der Inkarnation unmittelbar beteiligt: «Nur durch mich.» So ist die Pforte ein Sinnbild Marias als Mittlerin und Fürbitterin; sie ist die «porta coeli», die sich den Gläubigen öffnende Himmelspforte.
Die Himmelstreppe
(Süd 39)
Eine von Wolken umgebene Treppe.
HANC A ME DISCE.
Lerne diese hinaufsteigen von mir.
Himmel und Erde, denn durch sie stieg Christus zu den Menschen herab, und durch sie gelangen die Gläubigen dereinst in den Himmel.
Der opferbereite Ochse
(Nord 85)
Ein Ochse zwischen einem Pflug und einem Altar. AD UTRUMQUE PARATUS.
Zu beidem bereit.
Als demütige «Magd des Herrn» war Maria auch zu beidem bereit: zu den Mühen der Mutterschaft und der Verfolgung wie auch zum Opfer, das sie durch ihr Mitleiden unter dem Kreuz auf sich nahm.
Der Bilderhimmel von Hergiswald ist eines der grossartigsten frühbarocken Kunstwerke der Schweiz. Seine über dreihundert bemalten Tafeln bilden den weltweit umfangreichsten und vielfältigsten Emblemzyklus. Es sind sprechende Bilder, deren rätselhafte Symbolik und unmittelbare Schönheit faszinieren. Die Gesamtwirkung der lichten Malereien ist einmalig. Die Deckenbilder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist eines der Anliegen dieses Buches. Sie sind erstmals seit der jüngsten Restaurierung in ihrer Gesamtheit neu fotografiert, beschrieben, enträtselt und kommentiert.
Der Bilderhimmel vom Hergiswald
Dieter Bitterli, Deutsch, 448 Seiten 350 Abbildungen, 23,5 x 23,5 cm Hardcover, CHF 60.– (inkl. Versand) ISBN 978-3-7165-1836-6
Buchbestellungen: Dieter Bitterli, Luzern Online Bestellung: Benteli Verlag, Arenenbergstrasse 2, 8268 Salenstein
www.bilderhimmel-hergiswald.ch
Beat Marchon, Kaplan